PROFIL: Mut gegen Barbarei: Kampf für Freiheit im Iran

„Sie hassen Kunst und Schönheit“: Exil-Iraner über das Regime
Sechs Exil-Iraner erzählen von ihren Erfahrungen mit dem Regime und ihren Hoffnungen auf einen Neuanfang.
Von Raphael Bossniak, Siobhán Geets und Nina Brnada
Trotz Internetsperre dringen noch Bilder aus dem Iran, der von Massenprotesten gegen die islamistische Staatsführung erschüttert wird. Revolutionsgarden und die regimetreuen Basij-Milizen eröffnen mit Maschinengewehren und Schrotflinten das Feuer in die Menge. Ärzte berichten, Sicherheitskräfte würden auf den Kopf zielen, Menschen erblinden durch Schrotsplitter, in Krankenhäusern mangelt es an Blutkonserven.
16.01.26
Im Exil blickt man besorgt auf die Gewaltexzesse in der Heimat. Es soll mindestens 3000 Tote geben, wahrscheinlich sind die Opferzahlen noch viel höher. Medien, die der iranischen Opposition nahestehen, schätzen Zahl der Getöteten auf 12.000.

Solidaritätsprotest in Mailand
Profil sprach mit sechs Exil-Iranerinnen und Iranern. Sie erzählen von der Feigheit des Regimes, der Angst um Freunde und Verwandte und Grabenkämpfen in der Opposition. Im Vordergrund stehen ihre Hoffnungen auf einen Neuanfang für den Iran nach 46 Jahren Islamischer Republik.
„Die nächsten Proteste werden kommen“
Arash T. Riahi, 53, ist Wiener Regisseur, Produzent und Drehbuchautor. 1983 flohen seine Eltern – linke Intellektuelle – mit ihm aus dem Iran. Riahi maturierte in Österreich und gründete die Produktionsfirma „Golden Girls Film“. Sein erster Kinofilm „Ein Augenblick Freiheit“ (2008) handelt von der Flucht mehrerer Familien aus dem Iran.
Ich träume öfter den gleichen Traum. Ich stehe an der iranisch-türkischen Grenze und gehe einfach rüber, ohne von den Grenzposten erwischt zu werden.
Ich war schon mehrmals an dieser Grenze, da ich dort zwei Filme gedreht habe. Zum ersten Mal las ich auf einem Verkehrsschild: Iran. Das hat sich in meinen Kopf verfangen. Im Traum gehe ich weiter. Niemand merkt, dass ich nicht hier sein darf. Ich treffe meine große Familie und lerne sie neu kennen. Dann werde ich auf der Straße von einem Basij-Milizionär aufgehalten. Ich wache auf.

Arash T. Riahi ist Wiener Filmemacher.
Nicht in meinen kühnsten Träumen hätte ich erwartet, dass im Iran Moscheen brennen und Statuen des Regimes gestürzt werden. Mit jedem Toten zerfrisst das Regime seine eigene Legitimation. In dem Moment, wo die Internetsperre aufgehoben wird, werden Tausende Videos von den Tötungen der letzten Tage öffentlich. Eine weitere Welle der Empörung wird über das Regime hereinbrechen. Die nächsten Proteste werden kommen.
Mein Vater saß unter dem Schah fünf Jahre lang im Gefängnis und wurde gefoltert. Die Revolution befreite ihn – und verriet ihn zugleich. Die Islamisten kamen nicht als Demokraten, sondern als Maskenträger der Macht. Sie verrieten die Ideale der Revolution und der gutgläubigen Menschen, die an ihrer Seite den Schah gestürzt hatten.

Inszeniert sich als möglicher Übergangspräsident: Reza Pahlavi
Der Sohn des Schahs, Reza Pahlavi, schließt sich dem Protest vom Ausland aus an und spielt sich als Oppositionsführer auf. Er hat sich nie von den Verbrechen seines Vaters distanziert, unter dem es keine freie Presse oder Wahlen gab. Er wiederholt immer nur dieselbe leere Floskel: „Mein Vater hat den Iran geliebt.“ Auf Social Media rät Pahlavi den Menschen im Iran, weiter auf die Straßen zu gehen, und sagt offen, dass er mit den Ausländern reden wird! Er ist wie sein Vater eine Marionette der USA. Wäre er ein Demokrat, sollte er lieber eine monarchistische Partei gründen, anstatt eine Monarchie auszurufen.
Meine Eltern waren nie Konformisten, die ein unpolitisches Leben im Iran hätten leben können. Kurz nach der Revolution sind wir mit rund einem Dutzend Freunden wählen gegangen. Bei der Wahl ging es darum, ob die Menschen dem islamischen Regime zustimmen oder nicht. Man konnte nur „Ja“ oder „Nein“ ankreuzen. Alle kreuzten „Nein“ an. Wir lachten – weil wir wussten, dass das Ergebnis schon geschrieben war: 99 Prozent für „Ja“.
Niemand, weder ein Schah noch reaktionäre Politiker wie US-Präsident Donald Trump oder Israels Premier Benjamin Netanjahu, kann das für uns übernehmen.
Arash T. Riahi
aus dem Iran stammender Regisseur
Die Iraner müssen ihre Zukunft selbst wählen. Niemand, weder ein Schah noch reaktionäre Politiker wie US-Präsident Donald Trump oder Israels Premier Benjamin Netanjahu, kann das für uns übernehmen. Demokratie kann man nicht importieren. Afghanistan, Syrien oder Libyen sind warnende Beispiele. Die Iranerinnen und Iraner werden das selbst schaffen. Wenn der Westen helfen will, dann sollte er aufhören, im Hintergrund Geschäfte mit dem Iran zu machen.
Je älter ich werde, desto größer wird meine Sehnsucht nach meiner Heimat. Verwandte werden älter, Großeltern sterben. Ich kann nicht bei ihnen sein. All das, weil Extremisten ihre Ideologie und ihre Religion über das Glück anderer stellen. Ich arbeite gerade an einer Fortsetzung zu meinem Dokumentarfilm „Exile Family Movie“. Ich hoffe, dass ich Teile davon in einem freien Iran drehen kann. Dann wäre mein Traum endlich kein Traum mehr.
„Was muss noch geschehen, damit das Regime stürzt?“
Mina Ahadi, 69, ist eine österreichische Aktivistin iranischer Herkunft. Schon als Studentin engagierte sie sich im Iran – zuerst gegen Schah Mohammad Reza Pahlavi und nach dessen Sturz im Jahr 1979 gegen das neue theokratische Regime der Islamischen Republik. Zehn Jahre lang lebte Ahadi als Partisanin in der Kurdenregion im Westen des Iran, bevor sie 1990 nach Österreich floh. Im Exil setzt sie sich für ein Ende der Todesstrafe und der Folterpraktiken im Iran ein, 2007 gründete sie den „Zentralrat der Ex-Muslime“. Heute lebt Ahadi mit ihrer Familie in Köln.
Ich habe „kleine“ und „große“ Sorgen, wenn ich an den Iran denke. Die kleinen Sorgen gelten meinen Verwandten, die großen den Menschen, die seit Jahrzehnten unter dem politischen Islam im Iran leiden. Es ist ein menschenfeindliches Regime, das gegen alle noch so harmlosen Freuden und Lüste der Menschen kämpft. Dieser Machtapparat kontrolliert alles.

Mina Ahadi setzt sich als Aktivistin gegen das theokratische Regime in Teheran ein.
Früher waren wir ein paar Hundert Leute, die sich gegen den obersten religiösen Führer Khamenei stellten, heute sind es Millionen. Hunderttausende gehen auf die Straße. Sie geben alles, landen am Ende aber wieder in einer Sackgasse: Bei den aktuellen Protesten wurden bis zu 12.000 Menschen ermordet, das Internet wurde abgedreht, damit die Bilder nicht um die Welt gehen. In der iranischen Community in Köln berichten fast alle von Angehörigen, die bei den Demonstrationen getötet wurden – und ich frage mich: Was muss noch geschehen, damit dieses Regime stürzt?
Ein militärisches Eingreifen der USA unter Präsident Donald Trump sehe ich kritisch, dasselbe gilt für eine Übernahme durch Reza Pahlavi, den Sohn des 1979 gestürzten Schahs. Ich war zehn Jahre lang Partisanin in Kurdistan. Meine Lebensgeschichte ist eng verflochten mit dem Kampf gegen ein barbarisches islamistisches Regime und für Gleichberechtigung und Freiheit. Wir brauchen keine Monarchie und keine weitere Diktatur.

Kurdische Partisaninnen
Vereinzelt kam im es in Iranisch-Kurdistan, das als am stärksten militarisierte Region des Iran gilt, im Zuge der Proteste zu Kämpfen zwischen Revolutionsgarden und kurdischen Rebellen.
Die Welt sollte den Menschen zuhören, die seit 47 Jahren gegen das Regime kämpfen. Es gibt im Iran viele Organisationen, die für Freiheit eintreten, darunter etwa die Gewerkschaften. Etliche Oppositionelle sitzen im Gefängnis oder leben im Exil, auch sie würden bei der Demokratisierung des Landes helfen. Eine Rolle spielen könnten auch beliebte Prominente wie der Rapper Toomaj Salehi, der zu einer Symbolfigur des Widerstandes gegen das Regime wurde. Die Strukturen für einen demokratischen Prozess sind vorhanden. Als 1979 der Schah stürzte, hätte es eine Einigung geben können, wenn die Islamisten die Demokratiebewegung nicht zerschlagen hätten.
Der Iran braucht eine säkulare, demokratische Regierung, die alle Minderheiten inkludiert, darunter Aserbaidschaner, Kurden und Araber.

Die Menschen im Iran brauchen Hilfe im Kampf gegen das Regime, die Frage ist nur wie. Während des israelisch-iranischen Zwölftagekrieges und den US-Angriffen auf das iranische Atomprogramm im Juni vergangenen Jahres stellten sich manche Menschen hinter das Regime. Sie hatten Angst und blieben zu Hause, anstatt auf die Straße zu gehen.
Was wirklich helfen würde, wäre, wenn die Regierungen Europas klare Konsequenzen aus dem Blutbad an Zivilisten ziehen: die iranischen Botschaften schließen, die Revolutionsgarden auf die Liste der Terrorvereinigungen setzen und jegliche politische und kulturelle Kooperation mit dem Regime beenden.
Ich wünsche mir, dass ich an die Orte meiner Kindheit zurückkehren kann.
Mina Ahadi
Aktivistin
Ich war seit meiner Flucht vor mehr als 45 Jahren nicht mehr im Iran. Meine Familie habe ich seither nicht mehr gesehen, viele sind gestorben, meine Mutter ist über 90 Jahre alt. Ich will sie endlich wieder in die Arme schließen. Ich wünsche mir, dass ich an die Orte meiner Kindheit zurückkehren kann. Durch mein Engagement gegen Steinigungen bin ich im Iran bekannt. Ich hoffe, einmal an der Universität in Teheran eine Rede vor jungen Menschen zu halten. Sie sollen sehen, dass wir da sind, dass wir sie nicht vergessen haben.
„Einen demokratischen Iran zu erleben, ist mein innigster Wunsch“
Homayoun Alizadeh, 73, verbrachte seine Kindheit und Jugend im Iran, bevor er 1969 nach Wien kam. Hier studierte Alizadeh Rechts- und Politikwissenschaften und absolvierte die Diplomatische Akademie. Anschließend war er mehr als 20 Jahre lang Diplomat bei den Vereinten Nationen. Alizadeh ist Mitbegründer der 2022 gegründeten „Mahsa Jina Amini Initiative“, einem Komitee zur Unterstützung der Frauen- und Jugendbewegung im Iran.
So unsicher die Lage im Iran derzeit ist, zwei Dinge wissen wir: Der landesweite Aufstand der iranischen Bevölkerung bringt das Regime in Teheran in enorme Bedrängnis. Und jegliche innenpolitische Veränderung der Situation im Iran wird Einfluss auf die gesamte Region haben – immerhin ist der Iran neben Israel eine bedeutende Regionalmacht im Nahen Osten.

Homayoun Alizadeh arbeitete mehr als 20 Jahre für die UN.
Denkbar sind mehrere Szenarien:
- Das Regime schlägt die Proteste nieder. In diesem Fall werden wie in der Vergangenheit Tausende Menschen verhaftet, gefoltert und hingerichtet werden. Das Regime wird weiter
bestehen, bis die nächsten Massenproteste stattfinden, obwohl feststeht, dass es seine
gesellschaftspolitische und religiöse Legitimität gegenüber der eigenen Bevölkerung längst verloren hat. - Die Revolutionsgardisten putschen gegen die Führung in Teheran, entmachten Revolutionsführer Khamenei und die Mullahs und nehmen die politische Macht selbst in die Hand. Iran wird zu einer Militärdiktatur.
- Die Führung der Revolutionsgarden und der Armee stellt sich aufseiten der Demonstranten und stürzt das Regime. Nach Freilassung von politischen Gefangenen kann ein Referendum stattfinden, um die Verfassung zu ändern. Politische Parteien werden zugelassen, politische Gefangene kommen frei, und freie Wahlen werden möglich. Iran beschreitet den Weg zu einem Parlamentarismus ähnlich wie in Indien und Pakistan.

Die Revolutionsgarden gelten als mächtiger Staat im Staat.
- Die Gespräche zwischen dem Iran und den USA scheitern, die USA entscheiden sich für einen Militärschlag. In die Ecke gedrängt, greifen die Revolutionsgardisten und die iranische Armee die Ölfelder der mit den USA verbündeten Nachbarstaaten des Persischen Golfs an – und führen so die gesamte Region in einen größeren Konflikt. Ein derartiges Szenario könnte schwere ökonomische und politische Folgen für die Region und die westliche Welt bedeuten.
Diese Situation würde den Iran zu einem zweiten Syrien machen.
Homayoun Alizadeh
Mitbegründer „Mahsa Jina Amini Initiative“
- Reza Pahlavi, der Sohn des 1979 gestürzten Schahs Mohammad Reza Pahlavi, kehrt in den Iran zurück. Seit dem Ausbruch der Revolution von 1979 lebt er in den USA, die iranische Bevölkerung kennt ihn kaum, und es ist unvorstellbar, dass die Führung der Revolutionsgardisten und der Armee bereit wäre, ihm die Macht zu überlassen. Weil Reza Pahlavi weder das nötige Charisma hat, noch eine integrative Figur ist, um von den vielen ethnischen Gruppen des Iran (Kurden, Balutschen etc.) als „neuer Schah“ anerkannt zu werden, könnte seine Rückkehr einen andauernden bewaffneten Konflikt im Land auslösen und den Iran ins Chaos führen. Diese Situation würde den Iran zu einem zweiten Syrien machen.
Die Gewalt im Iran erinnert mich an den Beginn des syrischen Bürgerkrieges 2011. Ich arbeitete damals für die Vereinten Nationen in Genf und war zuständig für die UN-Friedensmissionen in Ländern wie Afghanistan, Somalia, Irak und dann eben auch Syrien. Diktator Baschar al-Assad gab den Befehl, auf Demonstranten zu schießen, um den landesweiten Aufstand niederzuschlagen. Daraus entwickelte sich ein bewaffneter Konflikt und am Ende ein Bürgerkrieg, der mehr als zehn Jahre anhalten sollte.
Ich war seit 1981 nicht mehr im Iran, ich würde ja sofort verhaftet werden. Viele meiner Freunde wurden sowohl unter dem Schah-Regime als auch vom jetzigen Regime hingerichtet, und der Großteil meiner Familie lebt im Ausland. Sollte das Regime stürzen, würde ich dennoch nach 45 Jahren wieder in mein Herkunftsland reisen. Einen demokratischen Iran zu erleben, ist mein innigster Wunsch.
„Das Regime hasst Kunst und Schönheit“
Baharak Abdolifard, 43, ist Schauspielerin. Sie lebte, arbeitete und studierte in Teheran, bevor sie 2014 nach Österreich floh. Im Film „Shahid“ (auf Deutsch: Märtyrer) spielt sie eine Exiliranerin in München. Abdolifard betreibt das Café IIN im 17. Wiener Gemeindebezirk.
Ich habe dieses Interview nur aus einem Grund gegeben: Um die Stimme der schutzlosen Menschen in meinem Land zu sein. Wir Iranerinnen und Iraner im Exil leben in einem Zustand tiefen Schocks und großer Fassungslosigkeit. Allein die Vorstellung dieser Verbrechen macht mich sprachlos.

Baharak Abdolifard lebte, arbeitete und studierte einst in Teheran,
Ich wurde gebeten, über mich selbst zu sprechen, über mein Leben, meine künstlerische Arbeit im Iran und warum ich nach Österreich gekommen bin. Doch das Persönliche hat im Moment die geringste Bedeutung. Ich wurde im Iran geboren und habe dort bis zu meinem 32. Lebensjahr gelebt. In all diesen Jahren habe ich massive Ungleichheiten sowie unmenschliche und menschenrechtswidrige Gesetze erlebt: Als ich im Iran lebte und auch heute noch durften Frauen nicht öffentlich singen. Konzerte mit weiblichen Stimmen wurden nicht genehmigt. Und dennoch sangen sie zu Hause, in versteckten Theatern und heimlichen Momenten auf der Straße. Es war und ist ein täglicher Kampf.
In den vergangenen zwölf Jahren haben die Menschen, insbesondere Frauen, durch anhaltenden Widerstand und Bewegungen wie die Protestwelle 2022 unter dem Slogan „Frau, Leben, Freiheit“ rückständige Gesetze bewusst gebrochen. Das Stadtbild hat sich verändert; mutige Frauen stehen heute an vorderster Front. Das Regime hasst Kunst und Schönheit. Künstlerinnen und Künstler stehen unter permanenter Überwachung und Druck. Viele zahlten für ihren Widerstand einen hohen Preis.
2014 entschied ich mich, den Iran zu verlassen, weil die Zustände unerträglich wurden. In den Jahren meiner Abwesenheit öffneten sich trotz Protesten neue Freiräume. Das Regime konnte nicht mehr alles kontrollieren. Doch Freiheit lässt sich nicht in Raten gewähren – das wissen die Menschen im Iran.
Die Menschen wollen dieses korrupte Regime nicht. Seit Jahren schreien sie es hinaus, und das Regime antwortet mit brutaler Gewalt.
Baharak Abdolifard
Schauspielerin
Was das Regime ebenfalls nicht kontrollieren kann, ist die katastrophale wirtschaftliche Lage. Diese Revolution ist das Ergebnis. Die Menschen wollen dieses korrupte Regime nicht. Seit Jahren schreien sie es hinaus, und das Regime antwortet mit brutaler Gewalt. Was wir heute erleben, ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Ein Staat, der seine eigene unbewaffnete Bevölkerung massakriert. Seit Tagen ist das Internet abgeschaltet; das Land versinkt im Blut. Was derzeit im Iran geschieht, ist ein Massaker. Mein Herz ist schwer angesichts jedes Menschen, der getötet wurde.

Ausgebrannter Bus in Teheran
Die EU reagiert bislang mit symbolischen Gesten. Doch die Menschen im Iran haben keine Zeit mehr. Europa muss handeln, die Revolutionsgarden auf die Terrorliste setzen, iranische Botschaften schließen und den Druck erhöhen. Andernfalls wird jede Rede von Menschenrechten bedeutungslos.
Ich hoffe, eines Tages in den Iran zurückkehren zu können. Ein Teil von mir ist noch immer dort. Ich möchte durch die Straßen meiner Kindheit gehen, meine Familie und Freunde umarmen und ihnen sagen: „Ich habe immer an euch gedacht.“ Ich wünsche euch Freiheit, und ich glaube fest daran, dass ihr sie erreichen werdet.
„Reza Pahlavi ist der richtige Mann“
Siroos Mirzaei, 62, lebt seit 1980 in Österreich. Der Nuklearmediziner und Menschenrechtsaktivist ist einer der Gründer des Beratungszentrums Hemayat für Kriegs- und Folterüberlebende. Seit Kurzem unterstützt er den Sohn des ehemaligen Schahs Reza Pahlavi.
Als ich gesehen habe, dass Reza Pahlavi immer stärker als mögliche Führungsfigur im Iran in den Vordergrund rückt, wurde mit klar, dass ich ihn im Kampf gegen die Islamische Republik unterstützen möchte. Er ist die einzige Person, die im Westen wirklich bekannt ist und auch als Politiker auftritt. Ich will nicht, dass nach dem Sturz des Mullah-Regimes in Teheran jemand an die Macht kommt, dem die Chinesen oder die Russen zujubeln. Mir ist wichtig, dass eine neue Führung im Westen gut vernetzt ist. Ja, Pahlavi wird von US-Präsident Donald Trump und Israels Premier Benjamin Netanjahu unterstützt. Doch auch wenn Trump und Netanjahu politisch rechts stehen: Die Menschen in ihren Ländern tun das nicht. Das sind trotz allem stabile Demokratien.

Siroos Mirzaei unterstützt den Schah.
Als ich mich dazu entschied, Pahlavi zu unterstützen, nahm ich persönlich mit ihm Kontakt auf. Ich habe mit ihm telefoniert, und er hat mir persönlich zugesichert, dass er für eine Demokratie einsteht. Das will ich ihm glauben. Eine Revolution braucht einen Kopf. Ich denke, Reza Pahlavi ist der richtige Mann für eine künftige Phase des Übergangs.
Viele westliche Politiker blicken bei uns Iranerinnen und Iranern nicht durch. Ich selbst hatte bereits mit mehreren Ministern und Abgeordneten im In- und Ausland Kontakt, und sie alle sagen: „Euer Problem ist, dass ihr so zersplittert seid.“ Der Westen hat Angst, dass der Iran bei einem Regimewechsel im Chaos versinkt, so wie Libyen oder der Irak. Und die Iraner wiederum haben Angst, alles auf eine Person zu setzen und dann ein böses Erwachen zu erleben – wie bei der Revolution 1979. Ich kann alle Bedenken nachvollziehen, aber ich denke nicht, dass sich die künftige Führung des Iran aus den Gefängnissen konstituieren wird. Da bin ich anderer Meinung als meine linken Mitstreiter.
Denkbar ist ein Monarch, der sich nicht in die Politik einmischt, ähnlich wie im Vereinigten Königreich.
Siroos Mirzaei
Nuklearmediziner
Ich selbst würde mich nicht als Monarchist bezeichnen, und Monarchisten halten mich für einen Linken. Kürzlich, bei einem ihrer Proteste in Wien, durfte ich einige Worte an die vornehmlich monarchistischen Demonstranten richten. Ich habe gesagt, dass ich als Menschenrechtler niemandem den Tod wünsche und solche Parolen auch nicht dulden werde. Natürlich sind einige dieser Leute problematisch, dennoch denke ich, dass eine Monarchie im Iran vielleicht gar keine so schlechte Idee wäre. Denkbar ist ein Monarch, der sich nicht in die Politik einmischt, ähnlich wie im Vereinigten Königreich. Ich sehe das pragmatisch: Eine Monarchie im Iran würde Touristen anziehen.


Ich selbst bin seit meiner Ausreise im Jahr 1980 nie wieder im Iran gewesen. Ich habe auch bei einem Regimewechsel nicht vor, wieder im Iran zu leben. Mein Leben und meine Familie sind hier in Österreich. Sehr wohl kann ich mir vorstellen, eine neue Führung beratend zu unterstützen, ein politisches Amt strebe ich aber nicht an. Ich stehe mit mehreren Gruppen in Austausch. Es gab Phasen, in denen ich etwa öfter mit der Menschenrechtsaktivistin und Friedensnobelpreisträgerin Narges Mohammadi telefoniert habe. Es geht jetzt darum, dass wir uns alle gemeinsam gegen das Mullah-Regime engagieren.
Ich finde es schade, dass meine linken Mitstreiter in Wien mein Engagement kritisch sehen. Als ich mich in linken Organisationen betätigt habe, hatten linksgerichtete Mitglieder unserer Ärztegruppe kein Problem damit. Die Diskussionen begannen erst, nachdem ich mich klar für Pahlavi ausgesprochen hatte.
„Sie skandieren ‚Tod den Linken‘, auch hier in Wien“
Hamid Hemmatpour, 60, lebt seit 1986 in Österreich. Als Teenager im Iran wurde Hemmatpour mehrmals vom Mullah-Regime verhaftet. Der Radiologe und Menschenrechtsaktivist verortet sich selbst im linken politischen Spektrum. Er ist Mitglied der Vereinigung „Medical Staff for Human Rights Austria“.
Wir haben im Iran schon viele Proteste erlebt, aber das, was jetzt passiert, hat eine neue Dimension. Nicht nur sind die Zahlen der Toten und Verletzten schwindelerregend hoch. Auch die Demonstrationen in der Diaspora sind aggressiver. Sie legen die Spaltung der iranischen Opposition frei – auch hier in Österreich. Die Atmosphäre zwischen Republikanern, die eine demokratische Republik fordern, und Monarchisten, die hoffen, dass der Sohn des 1979 gestürzten Schahs die Macht übernimmt, ist angespannter und aggressiver als je zuvor. Am vergangenen Samstag bei einer Demonstration mischte sich eine Gruppe von Monarchisten unter die Leute und rief Parolen, es kam fast zu einer Schlägerei. Vielleicht waren die Unruhestifter auch keine echten Monarchisten, womöglich waren es Agenten der Islamischen Republik, die versuchen, die Opposition im Ausland weiter zu spalten.

Hamid Hemmatpour ist linker Menschenrechtsaktivist.
Ich sehe mich als Linken. Dass nun Reza Pahlavi, der Sohn des früheren Schahs, als Hoffnungsträger genannt wird, ist etwas, das ich keinesfalls unterstützen kann. Dabei ist nicht so sehr Pahlavi als Person das Problem, er scheint ein eher unbekümmerter und unpolitischer Mensch zu sein. Es sind mehr sein Umfeld und seine radikalen Anhänger, die mir Sorgen bereiten. Sie wollen sich nicht nur der Islamischen Republik entledigen, sondern auch allen anderen politischen Opponenten. Das sind zum Teil Rechtsextreme, die „Tod den Linken“ skandieren, auch hier in Wien.
Das sind zum Teil Rechtsextreme, die „Tod den Linken“ skandieren, auch hier in Wien.
Hamid Hemmatpour
Menschenrechtsaktivist
Die Frage, ob Pahlavi und seine Leute die Richtigen sind, um den Iran in eine bessere Zukunft zu führen, hat auch mein Umfeld gespalten. Ich bin Radiologe, und während der „Grünen Revolution“, den Protesten von 2009, habe ich gemeinsam mit anderen iranisch-stämmigen Medizinerinnen und Medizinern in Österreich die Ärztegruppe für Menschenrechte gegründet. In der Gruppe sind Menschen mit unterschiedlichen politischen Ansichten, viele Jahre lang waren wir eine dezidiert unpolitische Menschenrechtsbewegung. Während der „Frau, Leben, Freiheit“-Proteste im Jahr 2022 haben wir sogar eine Art Online-Klinik aufgezogen und Kolleginnen und Kollegen im Iran bei Behandlungen mit unserer Fachexpertise unterstützt. Es war eine intensive Zeit. Monatelang haben wir Tag und Nacht gearbeitet. Wir haben Spenden gesammelt und für mehr als 100 Menschen im Iran Behandlungen finanziert. Ich bekam immer wieder Drohungen, genau wie meine Familie, die noch im Iran lebt. Ich erhielt Nachrichten wie: „Wir wissen, was du tust, und wir wissen auch, wo dein Vater jeden Morgen sein Brot kauft.“
Mein geschätzter Kollege Siroos Mirzaei (siehe oben) war unter den Mitstreitern der Ärztegruppe; ein prononcierter Menschenrechtsaktivist, der vor 30 Jahren das Beratungszentrum für Folter- und Kriegsüberlebende Hemayat gegründet hat. Mirzaei hat Publikationen herausgebracht, in denen er beschreibt, wie man mithilfe von Nuklearmedizin Folter nachweisen kann – seine wissenschaftlichen Arbeiten haben weltweit Beachtung gefunden. Doch er sprach sich irgendwann dezidiert für eine politische Option aus, und das hat natürlich Auswirkungen auf unsere damals gemeinsame Organisation gehabt. Derartige Deklarationen haben in einer Organisation wie unserer Menschenrechtsgruppe nichts verloren – und da geht es nicht um eine bestimmte politische Richtung, es geht ums Prinzip.
Gemeinsam mit einigen anderen Kollegen bin ich ausgetreten und habe eine neue Organisation gegründet. Mirzaei und ich haben beide weiterhin dasselbe Ziel – ein Ende des brutalen Regimes im Iran –, aber unser Weg ist nicht mehr derselbe.
Link zum Originalartikel: https://www.profil.at/ausland/sie-hassen-kunst-und-schoenheit-exil-iraner-ueber-das-regime-proteste-iran/403121783
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